* 30 *
»Schon gut, schon gut, ich komme!«, schrie Alice, während das große Lagerhaustor unter der Wucht der Schläge erzitterte. Vor den Augen des frustrierten Alther, der gern geholfen hätte, aber nur dabeistehen konnte, zog Alice die beiden schweren Eisenriegel zurück und stemmte sich mit aller Kraft gegen das große grüne Tor mit seinen rostigen Rollen. Es setzte sich nur langsam in Bewegung, doch als Jenna und Nicko von draußen halfen und mitschoben, glitt es quietschend und knirschend zur Seite, bis die Öffnung so groß war, dass sich ein fünf Meter langer Drache durchzwängen konnte.
Feuerspei tapste in die Halle. »Vorsicht!«, schrie Alice – zu spät. Ein großer Stapel Kisten, auf denen zerbrechlich stand, stürzte um, begleitet vom Klirren zerbrechenden Glases. Feuerspei kümmerte sich nicht darum. Er hockte sich hin und blickte hoffnungsvoll in die Runde, als ob er darauf warte, dass ihm jemand das Abendessen brachte, was von der Wahrheit gar nicht so weit entfernt war, denn Feuerspei wartete die meiste Zeit auf das Abendessen – oder das erste oder zweite Frühstück, das Mittagessen oder den Nachmittagsimbiss. Wie es hieß, war ihm gleich, Hauptsache, es war fressbar.
»Jenna!«, rief Alther erleichtert. »Was tust du denn hier?« Der Geist strahlte, als Jenna und Nicko, die beide blass und müde aussahen, in die Halle traten. »Ah, da ist ja auch unser junger Bootsbauer. Sei mir gegrüßt, mein Junge.« Nicko schenkte ihm ein kurzes Lächeln, wirkte aber nicht so vergnügt wie sonst. Der Geist spähte auf die dunkle, verregnete Straße hinaus und fragte ohne große Hoffnung: »Ist Septimus bei euch?«
»Nein«, antwortete Jenna – ungewöhnlich einsilbig.
»Ihr beide seht völlig erschöpft aus«, sagte Alice. »Kommt mit nach oben und wärmt euch auf.« Feuerspei klopfte laut mit dem Schwanz auf den Boden.
»Ruhig, Feuerspei«, sagte Jenna müde und tätschelte dem Drachen den Hals. »Leg dich hin. Los. Leg dich hin und schlaf.« Aber Feuerspei wollte nicht schlafen. Er wollte sein Abendessen. Er schnupperte. Vielversprechend roch es hier nicht. Nach Staub, verschimmeltem Stoff, wurmstichigem Holz, rostigem Eisen, Schafsknochen ... hmmm, Schafsknochen!
Feuerspei steckte die Nase in einen Turm ordentlich gestapelter Holzkisten, der gut sieben Meter hoch in die Dunkelheit ragte. Der Turm wankte bedenklich.
»Aus dem Weg, alle!«, rief Alice, stieß Jenna und Nicko auf die Straße zurück und sprang mit Alther, der nicht von einer Ladung toter Schafe passiert werden wollte, hinterher. Kisten prasselten zu Boden, prallten von Feuerspei ab und blieben rings um ihn liegen.
Alice, Alther, Jenna und Nicko spähten ängstlich nach drinnen. Der Drache war fast unter Kisten begraben. Er hob den Kopf, schüttelte eine Schicht von Staub und Holzsplittern ab und begann, die erste zertrümmerte Kiste aufzunagen. Ein Haufen vergilbter Knochen und eine Art Bettvorleger aus Schaffell fielen heraus.
»Iiiih!«, rief Jenna, die in letzter Zeit eine besondere Abneigung gegen Knochen entwickelt hatte. »Was hat er denn da?«
»Schafe«, antwortete Alice mit erhobener Stimme, um das Knirschen und Knacken zu übertönen, das Feuerspei erzeugte, als er über den Inhalt der ersten Kiste herfiel. »Das sind Schafsknochen. Er frisst ein Tier aus der Herde von Sarn. Oh weh.«
Vorsichtig kehrten Alice, Jenna und Nicko in die Halle zurück und zwängten sich zwischen den Kisten durch. Jenna konnte nur die Worte entziffern, die in einer altmodischen, mit den Jahren braun gewordenen Schrift auf der Seitenwand einer noch unversehrten Kiste Standen: HEILIGE HERDE VON SARN. KISTE VII VON XXI. DRINGEND. ZUR SOFORTIGEN LIEFERUNG. Sie waren nur schwer leserlich, weil in gebieterischem, unverblasstem Rot drei weitere Worte darübergestempelt waren: ZOLL NICHT BEZAHLT.
»Feuerspei!«, schrie Jenna und bahnte sich einen Weg zu dem Drachen. »Hör auf! Gib das her. Sofort!« Feuerspei schielte aus dem Augenwinkel auf sie herab und nagte weiter an Schaf Nummer VII. Das war sein Fressen, und er war nicht gewillt, etwas davon abzugeben, nicht einmal der Stellvertreterin seines Prägers. Sollte sie sich doch selbst ein Abendessen suchen.
»Halb so schlimm«, sagte Alice keuchend, als sie mit Nicko das Tor zuzog und im Lagerhaus wieder Dunkelheit einkehrte.
»Aber das sind doch heilige Schafe«, gab Jenna zu bedenken.
Feuerspei zermalmte einen weiteren Knochen und schluckte ihn mit lautem Gurgeln hinunter.
»Das möchte ich stark bezweifeln«, kicherte Alice. »Ich schätze, sie stammen aus dem Betrug mit vermeintlich heiligen Knochen, den das Zollamt vor rund hundert Jahren aufgedeckt hat. Ich würde mir deswegen also keine Gedanken machen. Das ist die beste Verwendung für sie, wenn ihr mich fragt. Sonst kann niemand etwas damit anfangen. Soweit ich weiß, hatte sie ein Bauer aus den Hohen Ackerlanden im Glauben gekauft, es handele sich um eine lebende Herde. Als er herunterkam, um sie abzuholen, und feststellte, dass er einen Haufen Kisten voller alter Knochen erworben hatte, weigerte er sich, den Zoll zu bezahlen und warf den Zollinspektor ins Hafenbecken. Er hat dafür dreißig Tage in der Arrestzelle im Zollamt gesessen.«
Mit der dringenden Ermahnung, brav zu sein und sich gleich nach dem Abendessen schlafen zu legen, ließen Jenna und Nicko den Drachen allein. Während der sich weiter durch die Heilige Herde von Sarn nagte, folgten sie Alice und Alther ins Dachgeschoss des Lagerhauses.
NachtUllr knurrte, als sie eintraten.
»Autsch!«, schrie Nicko auf, denn Jenna hatte ihre Finger in seinen Arm gekrallt, als sie im Schein von Alices Kerze die grünen Pantheraugen funkeln sah. Nicko wunderte sich. Jenna war sonst nicht so schreckhaft.
Snorri erwachte von Ullrs anhaltendem Knurren und setzte sich auf. Überrascht richtete sie ihre schläfrigen Augen auf die beiden Neuankömmlinge. »Brav, Ullr«, sagte sie.
»Snorri?«, fragte Jenna, die das weißblonde Haar im Dunkeln erkannte.
»Jenna? Bist du das?« Snorri wickelte sich aus dem Wolfsfell und kam über die groben Holzdielen zu Jenna herübergewankt, um sie zu begrüßen. NachtUllr trottete neben ihr her.
»Hallo, Snorri!«, rief Nicko aus dem Dunkeln und erschreckte sie.
»Nicko ... ich ... ich wusste gar nicht, dass du auch nach Port kommen wolltest«, sagte sie in ihrem melodischen Akzent, der Nicko so gefiel.
»Wir auch nicht«, erwiderte er grimmig. »Der blöde Drache hat stundenlang über Port gekreist. Ich dachte schon, wir würden niemals landen. Eiskalt da oben.«
»Ich wäre lieber auf meinem Boot.« Snorri lächelte.
»Ich auch«, sagte Nicko. »Nichts geht über ein Boot, und wenn es nur ein Schaufelboot ist. Ich habe Wolfsjunge zum Wald rüberschaufeln sehen, und ich hätte den Drachen jederzeit gegen so ein Ding eingetauscht, sogar gegen ein rosarotes.«
»Wolfsjunge glaubt, dass Septimus sich im Wald verirrt hat«, sagte Jenna. »Aber ich glaube nicht, dass er damit richtig liegt.«
Nicko schüttelte den Kopf. »Trotzdem gut, dass er nachschaut. Er hätte sowieso nicht mit Feuerspei zurückfliegen können.«
»Hat er wohlbehalten den Wald erreicht?«, fragte Jenna.
Snorri nickte. »Er hat gepfiffen, und ein Junge ist ihm entgegengekommen.«
»Das wird Sam gewesen sein«, sagte Nicko. »Er war fischen.«
»Sam?«, fragte Snorri.
»Ja, Sam. Er ist mein ...«
»Bruder!«, lachte Snorri.
»Woher weißt du das?«, fragte Nicko verwirrt.
»Das sind sie doch alle«, erwiderte Snorri und lachte weiter.
Unterdessen hatte Alice ein paar Decken geholt, die aus einem ganzen Haufen bunt gemusterter Decken stammten, der aus einer Truhe quoll mit der Aufschrift PRODUCIA DE PERU. ZOLL NICHT BEZAHLT. BESCHLAGNAHMT. »Schön«, sagte sie, »dann kennt ihr euch also. Hier, Jenna, Nicko, wickelt euch gut ein, damit euch warm wird. Ihr zittert ja wie Quallen auf dem Teller.«
Eingemummt in die Decken, die kräftig nach Ziege zu riechen begannen, als die Feuchtigkeit aus ihren Kleidern hineinkroch, stellten sich Jenna und Nicko an den bullernden Ofen. Während sie langsam auftauten und zu dampfen begannen, setzte Alice einen Kessel Wasser auf, schnippelte Orangen in einen Tonkrug, gab Zimt, Gewürznelken und Honig dazu und goss dann das kochende Wasser darüber. Ein warmer, würziger Duft erfüllte die Luft.
»Ihr habt doch bestimmt auch Hunger«, sagte Alice, und Nicko nickte. Nun, da ihm wärmer wurde und er die Stunden vergaß, die sie mit Feuerspei im Nieselregen über der Stadt gekreist waren, merkte er plötzlich, dass er mächtigen Kohldampf hatte. Alice verschwand in der Dunkelheit am anderen Ende des Raums, den sie ihr Zuhause nannte, und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Tablett zurück, das mit einem Laib knusprigem Porter Brot, Riesenportionen Kräuterwurst, einem großen Früchtekuchen und einem halben Apfelgewürzkuchen beladen war.
»Jetzt esst erst einmal, du auch Snorri«, sagte Alice, als sie bemerkte, dass Snorri zögerte.
Snorri setzte sich neben Alther an den Tisch und lächelte ihn an. »Ich ... ich habe Sie in der Burg gesehen«, sagte sie.
Alther nickte. »Bist du eine Geisterseherin?«, fragte er.
Snorri errötete. »Ich möchte es nicht immer sein«, erwiderte sie, »aber es ist nun mal so. Wie bei meiner Großmutter.«
»Und wie bei deiner Mutter?«, fragte Alther.
Snorri schüttelte den Kopf. Sie war nicht wie ihre Mutter. Überhaupt nicht.
Nachdem das Brot, die Wurst und der größte Teil der beiden Kuchen vertilgt und noch zwei Krüge heiße Orangenlimonade auf den Tisch gekommen waren, sah Alice Jenna an und fragte sanft: »Willst du uns jetzt erzählen, was heute geschehen ist? Alther und ich ... nun ja, wir würden es gerne erfahren.«
Alther lächelte. Er hörte Alice gern »Alther und ich« sagen, und auch die Art, wie sie sich seine Sorgen zu eigen machte, gefiel ihm. Eigentlich, so dachte er bei sich, hätte er jetzt vollkommen zufrieden sein können, wenn da nicht diese furchtbare Geschichte mit Septimus gewesen wäre.
Jenna nickte. Ja, sie wollte sich die Sache von der Seele reden. Sie holte tief Luft und begann mit ihrem Bericht über die vergangene Nacht, als Königin Etheldredda in ihrem Schlafzimmer erschienen war. Alice und Alther hörten ernst zu, und als Jenna von Septimus und dem Spiegel erzählte, wurde Alther beinahe durchsichtig vor Sorge.
Dann war es an Alther, von einer schlechten Neuigkeit zu berichten. Als Jenna hörte, was Marcia in dem Buch Ich, Marcellus gefunden hatte, schrie sie erschrocken auf und schlug die Hände vors Gesicht. Septimus war fort. Für immer. Und sie war schuld.
Nicko legte ihr den Arm um die Schultern. »Du musst dir keine Vorwürfe machen, Jenna.«
Sie schüttelte den Kopf. Sie machte sich Vorwürfe.
»Also meines Erachtens ...«, sagte Alther, der zwischen Snorri und Alice saß, ganz unvermittelt, und alle sahen ihn an. Sein lila Gewand wirkte im Kerzenlicht erstaunlich greifbar, während ein kleiner Hoffnungsschimmer in ihm aufglomm. »... meines Erachtens gäbe es da vielleicht, nur vielleicht, eine Möglichkeit, ihn zu finden. Es ist natürlich ein riskantes Unterfangen, aber ...«
Und so saßen im obersten Stockwerk von Lagerhaus Nummer Neun ein Nachtgeschöpf und vier lebende Menschen bei Kerzenlicht um einen Tisch und lauschten einem Geist, der ihnen erklärte, wie sie Septimus vielleicht, nur vielleicht, retten könnten.
Unterdessen entschwand im Erdgeschoss von Lagerhaus Nummer Neun langsam die Heilige Herde von Sarn. Sie wurde zernagt, zermalmt und verschlungen, bis nichts mehr von ihr blieb als ein paar leere Kisten und ein zufriedener, nach Schaffell riechender Rülpser.
Nicht sehr weit von Lagerhaus Nummer Neun entfernt glitt eine königliche Barke auf einer über fünfhundert Jahre alten Geisterflutwelle stolz durch die Marram-Marschen. Sie legte an einem längst verschwundenen Landungssteg an, und während sie sanft schaukelnd im Mondlicht schimmerte, schritt ihre Besitzerin an Land und stapfte mit missbilligender Miene einen morastigen Weg hinauf, der zu einer kleinen strohgedeckten Hütte führte.
Königin Etheldredda ging durch die geschlossene Tür, und die Bewohnerin der Hütte, eine gutmütig aussehende Frau in einem weiten Flickenkleid, schaute verdutzt von ihrem Platz am Feuer auf, denn sie spürte, dass etwas Fremdes ins Zimmer drückte. Sie erzitterte, und ihre Kerze flackerte, als Königin Etheldredda an ihr vorbeischwebte. Tante Zelda stand auf und suchte mit ihren halb geschlossenen hellblauen Hexenaugen das gemütliche Zimmer ab, das auf einmal gar nicht mehr so gemütlich war. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte den Geist Etheldreddas, der auf der Suche nach Jenna umherschwebte, nicht ausmachen.
Tante Zelda wurde unheimlich zumute. Sie sah eine Störung über die Bücher und Tränkeflaschen an den Wänden wandern, als Etheldredda nach einer Geheimtür suchte, aber nur einen Wandschrank mit einer riesigen Flasche darin fand. Und als Etheldredda die Treppe ins Obergeschoss hinaufstieg, immer ihrer spitzen Nase nach, folgte ihr Tante Zelda, ohne zu wissen, warum.
Überzeugt, dass Jenna hier sei, durchsuchte Etheldredda den kleinen Dachraum von oben bis unten. Sie blies die Decken aller drei Betten zurück in der Erwartung, Jenna unter einer zu entdecken, fand aber nichts. Dann steckte sie ihre spitze Nase unter die Betten – nichts – und in Tante Zeldas Schrank, in dem lauter gleiche Flickenkleider hingen – wieder nichts.
Tante Zelda war außer sich. Sie wusste jetzt, dass ein rastloser Geist in ihrer Hütte umging. Sie rannte die Treppe hinunter und suchte nach ihrem Austreibungszauber. Unterdessen fand Etheldredda oben in der Dachkammer einen Gegenstand, den Tante Zelda für Jenna hier aufbewahrte: Jennas Silberpistole. Unter großer Willensanstrengung nahm Etheldredda die Pistole in die Hand, und im selben Moment begann Tante Zelda unten die Zauberformel zu sprechen. Ein muffiger Luftzug – denn der Zauber war alt und obendrein in einem feuchten Schrank aufbewahrt worden – fegte durch die Hütte und wehte Königin Etheldredda ins Freie, wo sie in den Ebbeschlamm des Mott plumpste. Sie rappelte sich auf und kehrte, die Pistole fest umklammernd, an Bord der königlichen Barke zurück.
In ihrer Kabine nahm sie, vor neugierigen Blicken Tante Zeldas geschützt, die Pistole genauer in Augenschein. Dann zog sie die kleine Silberkugel hervor, die sie aus Jennas Zimmer mitgenommen hatte, hielt sie mit ihrer immer fleischlicher werdenden Hand in die Höhe und betrachtete sie. Sie lächelte grimmig. In die Kugel waren die Buchstaben K.P. – das Kürzel für »Kindprinzessin« – geritzt. Sie war schon für Jenna bestimmt gewesen, als diese noch ein Säugling war. Es war ein Glücksfall, dachte Etheldredda, dass sie zufällig dem Geist jener Spionin begegnet war, die vor vielen Jahren die Heaps verraten hatte. Wäre der rastlose Geist Linda Lanes nicht auf den Fluss hinausgekrault und an Bord der königlichen Barke geklettert, hätte Etheldredda nie von der Zauberkraft solcher mit Namen versehener Kugeln erfahren. Und das Glück war ihr treu geblieben, denn nun besaß sie auch die zu der Kugel gehörende Silberpistole. Jetzt fehlte nur noch die Prinzessin, auf die sie die Pistole richten konnte.
Die königliche Geisterbarke legte, eine sehr beunruhigte Tante Zelda zurücklassend, vom Steg der Hüterhütte ab. Königin Etheldredda rekelte sich auf ihren Polstern, schloss die Augen und träumte, von der leichten Dünung eines alten Sturms gewiegt, von dem nicht allzu fernen Tag, an dem die Prinzessin nicht mehr war und die Burg wieder ihre rechtmäßige Herrscherin erhielt – Königin Etheldredda die Immerwährende.